Medan

Medan ist die Hauptstadt und das ökonomische Zentrum Nord-Sumatras. Auf­fallend ist der kosmopolitische Charakter der Stadt. Nachfahren chinesischer und javanischer Kulis, eingewanderte Sikhs, Araber und Tamilen, aber auch Batak, Minangkabau und Angehörige anderer malaiischer Völker prägen das Stadtbild. Medan bedeutet „Feld" oder „Platz", hier aber „Schlachtfeld", denn zwischen den Kriegern Acehs und des Sultans von Deli fand an dieser Stelle eine bedeutende militärische Auseinandersetzung statt. 1823 reiste John Anderson, ein Beauftragter der britischen Regierung, nach Nord-Sumatra und be­schrieb Medan als ein Dorf mit etwa 200 Einwohnern. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wuchs die Bedeutung des Ortes, eine explosionsartige Entwicklung war die Folge. 1918 lebten bereits 43 900 Menschen in Medan, heute sind es etwa 2,3 Millionen Einwohner.

Die 70.787 km2 große Provinz Nord-Sumatra (11 Millionen Einwohner) ist eine der „reich­sten" Indonesiens. Laut eigenen Angaben wird hier 30% des gesamten Natio­naleinkommens Indonesiens erwirtschaftet (Gesamt-Sumatra 60%). Die erste Erdölindustrie des Landes entstand in Pangkalan Brandan, 60 km nordwestlich von Medan.

In einem etwa 250 km breiten Küstenstreifen wird auf beinahe 1000 km2 Plantagenwirtschaft betrieben. Heute sind zwar viele dieser Großbetriebe in Staatsbesitz, doch ein erheblicher Teil gehört weiterhin den internationalen Multis wie Goodyear, Uni-Royal oder Harrisson & Crossfield. 38% der gesam­ten landwirtschaftlich genutzten Fläche werden für den Anbau von Kautschuk verwendet, etwa gleich viel für Ölpalmen. Tee, Tabak und Kakao sind weitere Produkte der Plantagen. Die Entstehung der extensiven Plantagenwirtschaft be­gann vor etwa 120 Jahren, fast zur gleichen Zeit wie in West-Malaysia. „Deli ist heute eine der blühendsten Kolonien des Erdballs und der Fremdling, wenn er in Belawan an Land steigt, und vom Dampfross an den üppigen Fluren und Pflanzungen vorbei nach der Hauptstadt Medan sich tragen lässt, er ahnt nicht, wie viel Menschenleiber diesen Boden haben düngen müssen, ehe er solche Früchte trug.", schreibt der deutsche Arzt und Ethnologe Hagen zu Beginn dieses Jahrhunderts.

In den breiten Ebenen der Ostküste Sumatras haben die Flüsse jahrtausende­lang Sinkstoffe abgelagert, die fruchtbaren Boden bildeten. Das Gebiet war von dichtem Wald bedeckt - die Landwirtschaft wurde im Brandrodungsfeldbau betrieben. Dabei mussten die Felder ein paar Jahren brach liegen, um sich zu erholen und später wieder Verwendung finden zu können. Diese Brachfeld­wirtschaft gab der holländischen Kolonialregierung einen Grund, das traditio­nelle Bodenrecht vollständig zu verändern. Alles Brachland, das nicht bebaut wurde, kam in Staatsbesitz.

Der Sultan von Deli und die Kolonialregierung verpachteten das Land an Pflanzer. Dabei wurden enorme Gewinne gemacht. Der Maimoon-Palast in Medan wurde von diesen Geldern erbaut. Die Arbeitskräfte mussten hauptsäch­lich aus Java und Südchina importiert werden. Das Elend der angeworbenen Kulis, die eigentlich kaum mehr als Sklaven waren, war unvorstellbar. Viele starben schon nach kurzer Zeit. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts raffte eine Beri-Beri-Epidemie beinahe 80% der Plantagenarbeiter hinweg. Da man mit toten Kulis keine Profite machen konnte, wurden die Lebensbedingungen schrittweise verbessert. Trotzdem liefen viele Arbeiter weg und versteckten sich in den Bergen. Die Kolonialregierung in Batavia erließ daher drakonische Ge­setze, die es den Plantagenbesitzern ermöglichten, eine eigene Gerichtsbarkeit einzurichten. Auspeitschen war an der Tagesordnung. 1926 betrug der Jahres­lohn 163,20 Gulden für Männer und 145,20 Gulden für Frauen. Dieser „Erhal­tungslohn", wie man ihn nannte, errechnete sich anhand der Kosten für die ab­solut notwendigen Dinge und Nahrungsmittel. Rentabel muss das Geschäft ge­wesen sein, denn allein 1930 wurden in den Plantagen von Nord-Sumatra 200 Millionen Gulden Gewinn gemacht.

Wer etwas über die Situation der Plantagenarbeiter und der europäischen An­gestellten zu Beginn unseres Jahrhunderts nachlesen will, sollte sich das Buch „Tropenfieber" von Ladislao Szekely (1937) besorgen. Nach der Unabhängig­keit wurden die großen Plantagen verstaatlicht oder an Kleinbauern aufgeteilt (1979 etwa 11% der gesamten Anbaufläche). Fehlende Mittel der Zentralregie­rung in Jakarta, aber auch Misswirtschaft und Korruption ließen die Produktion sinken. Seit 1965 werden wieder ausländische Investitionen zugelassen.

Ich habe ja bereits einige kurze Impressionen von Medan geschrieben, als ich auf dem Weg vom Danau Toba nach Bukit Lawang mit dem Bus durch die drittgrößte Stadt von Indonesien gekommen bin. Heute hat mich ein Touristen- Bus zurück nach Medan gebracht, wo ich meine letzte Nacht verbringen werde. Gegen Mittag bin ich im Hotel angekommen, das nicht komfortabler ist als jenes direkt am Fluss in Bukit Lawang, jedoch viermal so teuer. Mit einer Fahrrad- Rikscha bin ich zu den wenigen Sehenswürdigkeiten der Stadt gefahren. Zuerst geht es durch den dichten Verkehr zum ältesten chinesischen Tempel, der reich verziert ist mit Statuen, Drachen, Buddhas, und Löwen. Auf weniger befahrenen Seitenstraßen gelangen wir zum indischen Tempel, der einen völlig anderen Stiel aufweist. Die Mesjid Raya (Große Moschee) steht als nächstes auf dem Programm. Sie wurde teilweise aus den Steinen alter buddhistischer und hinduistischer Tempel errichtet. Der Architekt war ein Holländer, der erste Stein wurde 1906 gelegt.

Jetzt lade ich meinen Chauffeur erst mal zum Essen in ein von ihm ausgewählten Rumah Makan ein. Auf dem Weg überqueren wir einen Fluss, an dessen Ufer die kleinen Holzhütten der niederen Schicht liegen. Auch das Warung liegt in einer Gegend, in die wohlhabendere Leute nicht so oft kommen. Hier kann ich ihn ein wenig über seinen Tagesablauf ausfragen. Er steht um Fünf auf, macht eine Stunde Morgensport, holt dann die für 20.000 RP pro Tag gemietete Rikscha, und fährt damit in die Stadt. Bis Elf ist er auf der Suche nach Fahrgästen, bis er sein Arbeitsgerät wieder abliefert und nach Haus in seine Mietwohnung läuft.

Die Sonne steht bereits tief über den Hochhäusern der Stadt, und ich fordere Iyan zum Gehen auf, denn vor es vollkommen dunkel ist will ich noch zum Maimoon Palast, der 1888 erbaut wurde.

Geschichte von Palast.

Nachdem er mich zurück zu meinem Hotel brachte ich ein Mandi nahm, habe ich mich nochmals auf den Weg zur großen Kreuzung gemacht, an der sich die Moschee und ein modernes Einkaufszentrum mit einem Fast- Food Restaurant befindet, um dort einige Aufnahmen vom Nachtleben der Stadt zu schießen. Ich hatte das Hotel noch kaum verlassen, da ist mir auch schon ein junger Bub nachgelaufen. Er will mir die Schuhe putzen. Obwohl ich möglichst vermeide von Kindern Dienstleistungen oder Waren zu nehmen, weil ich die Kinder- Arbeit nicht unterstützen will, willige ich in diesem Fall nach einiger Zeit ein, um etwas mehr über den Jungen zu erfahren, der aber absolut kein Englisch beherrscht. Er ist auch erst acht Jahre alt, geht aber auch in die Schule. Irgendetwas ist mit seinen Eltern, soweit verstehe ich ihn, und dass er seit heute Morgen noch nichts zu Essen hatte. Also habe ich ihm mein Wasser und Fünftausend gegeben, damit er was zu Essen kaufen kann. Ich weiß, dass ich zu gutherzig bin, und vielleicht hat er mich auch angelogen, aber immerhin hatte ich eine Begleitung durch die Nacht bis zur Moschee, wo ich noch ein Foto von ihm machte, und er sich darüber wirklich freute.

Ebenso habe ich Iyan am folgenden Tag zuviel bezahlt, als er mich mit seinen Becak durch die halbe Stadt gefahren hatte, mich zu Shops brachte, wo man günstig Kleidung kaufen kann, und mir beim aushandeln des Preises dolmetschte. Wir waren seit Neun in der Früh unterwegs, als er mich am Airport um Eins absetzte, und ich ihm außer den 50.000 RP noch zehn US$ in die Hand drückte. Minuten lang hat er meine Hand geschüttelt und sich bei mir bedankt. Den Ausdruck in seinen Augen, das Funkeln kann ich nicht beschreiben. Ich denke er war den Tränen nahe. Ich weiß nicht ob es richtig war oder nicht, aber vielleicht ist er ja bald in der Lage sich sein eigenes Becak für knapp eine Million RP zu kaufen, dann bleiben ihm schon jeden Tag die 20.000 Miete erspart. Ich spiele schon mit dem Gedanken, ihm das Geld zu leihen, und er könnte mir den Betrag in nicht mal zwei Monaten zurückzahlen. Er ist bestimmt ehrlich genug und arbeitet wirklich hart für sein Geld, was ich an Menschen zu würdigen weiß. Auf jeden Fall werde ich ihm die Bilder zuschicken und dabei den Vorschlag offerieren. Es ist keine Lösung für die wirtschaftliche Misere, auch nicht die gekaufte Musik- Kassette, womit ich die PDI- Partei unterstütze, aber warum soll ich nicht einzelnen Menschen etwas helfen, deren Schicksal ich kenne. Genauso wie die Leute von der Reha-Station in Bukit Lawang nur einzelnen Menschenaffen helfen können, sie mit viel Liebe aufpäppeln, ihnen die notwendigsten Begriffe fürs überleben in der Wildnis beibringen, um sie nach vielen “geopferten” Stunden im einem entfernten Platz auszusetzen, und vielleicht nie wieder zu sehen.

Als sich mein letzter Urlaub dem Ende zuneigte, und ich mich auf dem Flughafen befand, habe ich mich darauf gefreut wieder zurück in meine Heimat zu kommen. Heute, wo ich mich in Jakarta befinde, würde ich am liebsten wieder zurück nach Sumatra fliegen. Zusammen mit Armun als Guide arbeiten, oder mit Wanty zusammen versuchen Souvenirs in Europa zu verkaufen. Als ich heute mit Iyun durch an den verschiedensten großen Einkaufszentren der Stadt vorbei kam, hat er mir gesagt, dass die meisten davon der Frau, Kindern, oder Suharto selbst gehören. Was machen diese und viele andere Menschen mit all dem Geld, während Andere sich für einen Hungerlohn abschuften?

Ohne weiter auf diese Gedanken einzugehen möchte ich mit diese offen gelassenen Frage diesen Bericht von meinen Erlebnissen in einigen wenigen Teilen von Indonesien, beenden - dem Land mit den vielen Farben.